Welche Pace beim Megamarsch? Warum Geschwindigkeit oft überschätzt wird

Extremwanderungen sind keine Wettkämpfe - obwohl Pace-Diskussionen manchmal etwas anderes suggerieren. Fokus dieses Formats ist eher: gemeinsames Unterwegssein und das bewusste Erleben von Stunden in Bewegung. Langstrecke belohnt nicht Geschwindigkeit, sondern Ausdauer.

Welche Pace beim Megamarsch? Warum Geschwindigkeit oft überschätzt wird
Photo by Massimo Sartirana / Unsplash

Wer neu in die Welt der Extremwanderungen einsteigt, begegnet früher oder später Zahlen.

  • „Mein Ziel heute? 55 Kilometer unter 8:30 Stunden!“
  • „Yeay, endlich! 100 Kilometer unter 18 Stunden.“
  • „Richtig gute Zeit gestern gelaufen.“

Das ist selten böse gemeint. Meist steckt Stolz dahinter, Freude über eine starke Leistung. Und trotzdem entsteht etwas – besonders bei Neueinsteigern: ein stiller Maßstab.

Denn wer aus dem Laufsport kommt, hat gelernt:

  • Zeit = Leistung
  • Pace = Qualität
  • schneller = besser

Und genau hier beginnt das Missverständnis.


Extremwanderungen folgen einer anderen Logik

Ein Marathon definiert sich über Geschwindigkeit.
Eine Extremwanderung definiert sich über Einteilung.

Während beim Marathon die Frage lautet:

Wie schnell kann ich durchziehen?

lautet sie bei 50 oder 100 Kilometern eher:

Wie bleibe ich über viele Stunden stabil?

Langstrecke bestraft Übermut nicht sofort.
Man kann 20 Kilometer zu schnell starten und sich hervorragend fühlen.

Doch im letzten Drittel wird deutlich, wer seine Ressourcen klug eingeteilt hat – und wer nur schnell war.


Der subtile Druck auf Einsteiger

Gerade Neulinge orientieren sich an dem, was sie lesen oder hören. Wenn ständig von „guten Zeiten“ gesprochen wird, entsteht schnell das Gefühl, man müsse mithalten.

Typische Reaktion:

  • etwas schneller starten als geplant
  • sich an zügige Gruppen hängen
  • Pausen verkürzen
  • Tempo halten, obwohl es sich eigentlich zu hoch anfühlt

Was am Anfang motivierend wirkt, wird später zum Problem.

Extremwanderungen beginnen nicht bei Kilometer 5.
Sie beginnen dort, wo die Füße schwer werden und der Kopf verhandelt.


Was viele übersehen: Das Format ist gemeinschaftlich gedacht

Ein Aspekt, der in Pace-Diskussionen oft untergeht, ist der eigentliche Charakter dieser Veranstaltungen.

Extremwanderungen sind keine isolierten Einzelleistungen.
Sie sind gemeinschaftliche Erfahrungen.

Man startet zusammen.
Man kommt ins Gespräch.
Man geht ein Stück gemeinsam, trennt sich wieder, trifft sich an einem VP erneut.

Es entstehen kleine temporäre Teams.
Geteilte Momente.
Geteiltes Schweigen.

Wenn der Fokus ausschließlich auf Tempo liegt, verschiebt sich die Wahrnehmung. Dann wird jede Begegnung zur Vergleichsfolie. Jede Gruppe zur potenziellen Referenz.

Dabei liegt der Reiz oft genau im Gegenteil:

  • im Rhythmus der Schritte
  • im Erleben der Umgebung
  • im Wechsel von Licht, Wetter und Stimmung
  • im bewussten Wahrnehmen der eigenen Grenzen

Wer permanent auf Pace schielt, verpasst viel von dem, was dieses Format besonders macht.


VP-Öffnungszeiten sind kein Wettbewerbselement

Ein Begriff, der für Einsteiger oft neu ist: VP-Öffnungszeiten.

Verpflegungspunkte sind nicht durchgehend geöffnet, sondern haben feste Zeitfenster. Das dient nicht der Leistungsbewertung, sondern der Organisation und Sicherheit.

Veranstalter müssen:

  • medizinische Betreuung koordinieren
  • Helfer planen
  • Streckensicherheit gewährleisten
  • das Event zeitlich strukturieren

Die Zeitfenster regulieren das Tempo – nach unten und nach oben.

  • Wer zu langsam ist, erreicht den Cut-off.
  • Aber eben auch: Wer deutlich zu schnell ist, steht vor einem noch nicht aufgebauten VP.

Beides zeigt: Dieses Format ist kein Rennen.

Es ist eine strukturierte Langzeitbelastung mit klaren Rahmenbedingungen.


Warum Pace-Diskussionen problematisch sind

Niemand verbietet Tempo. Niemand verbietet Ehrgeiz.

Aber wenn Geschwindigkeit zum dominanten Thema wird, entsteht Druck – besonders für diejenigen, die neu sind oder sich unsicher fühlen.

Und Druck führt zu:

  • zu schnellem Start
  • falscher Energieverteilung
  • unnötigen Abbrüchen
  • Frust statt Erfahrung

Extremwanderungen leben davon, dass Menschen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam starten und ihre eigene Herausforderung finden.

Nicht dieselbe.


Der eigentliche Reiz

Du kannst die ersten 20 Kilometer beeindrucken.
Oder die letzten 15 souverän gehen.

Beides gleichzeitig schaffen die wenigsten.

Bei Kilometer 50 interessiert sich niemand für deine Durchschnittspace.
Dein Körper stellt eine andere Frage:

Hast du klug eingeteilt?

Extremwanderungen sind kein Tempo-Event.

Sie sind ein Geduldsspiel.
Eine Übung in Selbstkontrolle.
Und ein gemeinsames Unterwegssein.

Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Stärke:
Nicht schneller zu sein als andere –
sondern bewusster unterwegs zu sein.

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