Risiken am Kilimandscharo

Blasen und Erschöpfung kennt man von Extremwanderungen. Der Kilimandscharo ist jedoch ein anderes Kaliber: Neben klassischen Wanderproblemen kommen Kälte, Höhe und ernsthafte Risiken wie Höhenkrankheit hinzu. Wir ordnen die Gefahren realistisch ein – von harmlos bis lebensbedrohlich.

Risiken am Kilimandscharo
Photo by Stephen Andrews / Unsplash

Warum Erfahrung hilft – aber nicht reicht

Ich habe viele lange Märsche hinter mir.
Extremwanderungen mit Hitze, Nächten mit wenig Schlaf, Distanzen, bei denen der Körper irgendwann nur noch mechanisch funktioniert. Blasen an den Füßen, dicke Gelenke, Umknicken auf den letzten Kilometern. Sogar ein kompletter Kollaps nach dem Ziel – Überhitzung, völlige Erschöpfung, Kreislauf weg.

All das gehört zu solchen Events dazu.
Und ja: Erfahrung hilft. Man kennt seinen Körper besser, weiß, wann man essen, trinken, langsamer werden muss. Man weiß, dass Schmerzen kommen – und auch wieder gehen.

Doch eins ist klar klar: Der Kilimandscharo ist etwas grundsätzlich anderes.

Nicht, weil man dort „extremer leidet“.
Sondern weil sich die Art der Risiken massiv verschiebt.

Ich habe viel recherchiert, um mir selbst einen Überblick über die potenziellen Risiken, ihre Wahrscheinlichkeiten und Auswirkungen am Berg zu verschaffen. Diese Übersicht soll euch den Einstieg erleichtern.


Kategorien von Risiken – vom Alltäglichen bis zum Lebensbedrohlichen

1. „Normale“ Wanderprobleme

(hoch wahrscheinlich – meist gut beherrschbar)

Diese Risiken kennen viele von langen Wanderungen, Mehrtagestouren oder Events wie den Mammut- oder Megamärschen.

Typisch:

  • Blasen, Scheuerstellen
  • Überlastete Knie und Sprunggelenke
  • Muskelverhärtungen
  • Leichte Dehydrierung
  • Sonnenbrand

Einordnung am Kilimandscharo:
Diese Probleme treten sehr häufig auf – teilweise sogar häufiger als bei Extremwanderungen. Die Gründe dafür:

  • Mehrere Tage viele Höhenmeter am Stück
  • Tragen von Tagesrucksäcken
  • Staub, Kälte, Wind → trockene Haut
  • Weniger Regeneration durch Höhe und "dünnere" Luft

👉 Risiko: hoch
👉 Gefährdung: niedrig
👉 Kontrolle/Gegenmaßnahmen: sehr gut möglich (Schuhe, Socken, Pflege, Tempo)


2. Orthopädische/mechanische Risiken

(mittel bis hoch – oft unterschätzt)

Der Kilimandscharo ist technisch kein Kletterberg, aber auch kein Spaziergang.

Kritische Situationen:

  • Geröllfelder (vor allem beim Abstieg)
  • Feiner, rutschiger Vulkan-Sand
  • Müdigkeit + Konzentrationsverlust
  • Dunkelheit in der Summit Night

Typische Folgen:

  • Umknicken
  • Bänderdehnungen
  • Stürze
  • Rückenprobleme durch monotone Belastung

Vergleich zu Extremwanderungen:
Beim Mammutmarsch:

  • eher flach
  • meist befestigte Wege
  • gute Sicht
  • jederzeit Abbruch möglich
  • große Gruppe
  • häufige Verpflegungsstatuionen

Am Kilimandscharo:

  • kein schneller Abbruch
  • medizinische Hilfe verzögert
  • Abstieg oft gefährlicher als Aufstieg

👉 Risiko: mittel
👉 Gefährdung: mittel
👉 Kontrolle/Gegenmaßnahmen: gutes Schuhwerk, Stöcke, bewusst langsames Tempo


3. Kälte, Wind und Erfrierungen

(geringe Wahrscheinlichkeit – hohe Konsequenz)

Viele unterschätzen die Kälte am Äquator.

Fakten:

  • Gipfelnacht oft zwischen -10 °C bis deutlich unter -20 °C
  • Starker Wind
  • Erschöpfung → reduzierte Wärmeproduktion
  • Höhenlage → schlechtere Durchblutung
  • Keine klassischen Aufwärmmöglichkeiten wie Hütten oder Feuer
  • Oft zu spät bemerkt, dann schwierig wieder "auf Temperatur" zu kommen

Gefährdet sind vor allem:

  • Finger
  • Zehen
  • Nase
  • Ohren

Warum das anders ist als bei Winterwanderungen:

  • Kein „schnell rein ins Warme“
  • Kein Auto, keine Hütte
  • Müdigkeit verhindert frühes Reagieren

👉 Risiko: niedrig bis mittel
👉 Gefährdung: hoch
👉 Kontrolle/Gegenmaßnahmen: Kleidung, Layering, Selbstbeobachtung


4. Akute Höhenkrankheit (AMS)

(häufig – ernst zu nehmen)

Das zentrale Risiko am Kilimandscharo.

Häufige Symptome:

  • Kopfschmerzen
  • Übelkeit
  • Appetitlosigkeit
  • Schlafstörungen
  • Erschöpfung trotz langsamen Tempos

Wichtig:
AMS kann jeden treffen – unabhängig von:

  • Fitness
  • Alter
  • Erfahrung
  • Training

Statistisch:

  • Leichte AMS-Symptome: sehr häufig
  • Erfolgreiche Gipfelbesteigung: ca. 60–70 % (je nach Route)

👉 Risiko: hoch
👉 Gefährdung: mittel
👉 Kontrolle/Gegenmaßnahmen: langsames Tempo, Hydration, Akklimatisation, Ehrlichkeit zu sich selbst


5. Lungen- und Hirnödem (HAPE & HACE)

(extrem selten – aber lebensbedrohlich)

Die schwersten, aber seltensten Risiken.

HAPE (Lungenödem):

  • Atemnot in Ruhe
  • Husten (teils schaumig)
  • Leistungseinbruch
  • „Ich komme nicht mehr hinterher“

HACE (Hirnödem):

  • Koordinationsstörungen
  • Verwirrtheit
  • Wesensveränderung
  • Gangunsicherheit

Das Entscheidende:
👉 Das Risiko steigt, wenn Warnsignale ignoriert werden.
Fast immer gibt es Vorzeichen.

Vergleich zu Extremwanderungen:

  • Dort gibt es keine höhenbedingten Organschäden
  • Erschöpfung endet im Ziel – nicht im Notfall

👉 Risiko: niedrig
👉 Gefährdung: extrem hoch
👉 Kontrolle/Gegenmaßnahmen: sofortiger Abstieg, Guides ernst nehmen


Jeder Meter ist ein Geschenk

Am Ende ist der Kilimandscharo kein Berg, den man „bezwingt“. Er lässt einen hinauf – oder eben nicht. Vorbereitung, Respekt und Selbstreflexion entscheiden mehr als Ehrgeiz oder Trainingskilometer. Für mich ist dieses Projekt deshalb kein Wettkampf und kein Beweis. Es ist ein bewusster Schritt aus der Komfortzone, mit offenen Augen für Risiken und mit der klaren Priorität, gesund zurückzukommen. Jeder weitere Meter ist ein Geschenk – nicht selbstverständlich, sondern verdient.

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