Zu unfit für den Megamarsch? Was wirklich zählt (Alter, Gewicht, Training)

Kann man zu alt, zu langsam oder zu unfit für lange Märsche sein? Zwischen 30-jährigen Superathleten und 80-jährigen Dauergehern zeigt sich: Nicht Alter oder Gewicht bremsen uns am meisten – sondern falsche Selbsteinschätzung. Warum Ehrlichkeit der Schlüssel zu besserem Training ist.

Zu unfit für den Megamarsch? Was wirklich zählt (Alter, Gewicht, Training)
Photo by Mathias Reding / Unsplash

Kann man zu alt, zu unsportlich, zu langsam, zu pummelig sein?
Oder sind das nur Etiketten, die wir uns selbst ankleben?

Dieser Artikel ist kein Motivationsposter. Kein „Du kannst alles schaffen“.
Sondern eine ehrliche, reflektierte Auseinandersetzung mit dem, was uns wirklich begrenzt – und was nur Ego ist.


Mein persönlicher Einstieg

Ich bin keine 20 mehr.
Ich bin kein Leichtgewicht.
Und ich war auch nie der klassische „Naturathlet“.

Ich habe Extremwanderungen gemacht. 60 km und mehr. Stundenlang. Mit Blasen, mit Krämpfen, mit Momenten, in denen ich dachte: Warum mache ich das eigentlich?

Und trotzdem kommt sie immer wieder – diese Stimme:

„Andere sind fitter.“
„Andere sind leichter.“
„Mit 20 wäre das einfacher gewesen.“

Bei meinen Märschen habe ich sie alle getroffen.

Die durchtrainierte Anfang-30erin mit Carbonstöcken und 10 % Körperfett.
Den Familienvater, Mitte 40, mit ein paar Kilo mehr, aber einem unbeirrbaren Schritt.
Und Menschen Anfang 80, die einfach stoisch weitergingen.

Auf solchen Langstrecken verschwimmen Kategorien sehr schnell.
Was bleibt, ist Bewegung. Schritt für Schritt.

Und doch erlebe ich es immer wieder: Wenn ich mit Kollegen oder Freunden spreche und versuche, sie für einen Marsch zu begeistern, kommen fast reflexartig die gleichen Sätze.

„Das schaffe ich nicht.“
„Ich bin zu langsam.“
„Zu unfit.“
„Zu schwach.“

Diese Zweifel wirken so endgültig, als wären sie medizinische Diagnosen. Und doch gibt es auf der Strecke diese Menschen, Anfang 80, die ruhig und unbeirrt weitergehen. Nicht schnell. Nicht spektakulär. Aber konstant.

Wenn der 80-Jährige noch geht – was genau hält dann die anderen auf?


Die physiologische Realität

Es wäre romantisch zu sagen: Alles ist nur Wille.
Ist es nicht!

Alter

Mit zunehmendem Alter sinkt:

  • die maximale Sauerstoffaufnahme
  • die Muskelmasse
  • die Regenerationsgeschwindigkeit

Aber: Ausdauerfähigkeit bleibt erstaunlich lange stabil – besonders bei regelmäßigem Training.
Viele Ultraläufer sind nicht 25. Sie sind 40, 50, 60+.

Gewicht

Mehr Gewicht bedeutet mehr mechanische Last.
Gerade bei langen Distanzen oder Höhenmetern ist das messbar.

10 kg zusätzlich bei 1.000 Höhenmetern entsprechen 10.000 kg zusätzlicher vertikaler Arbeit.
Das ist keine Meinung. Das ist Physik.

Aber Gewicht allein entscheidet nichts.
Bewegungsökonomie, Muskulatur und Trainingszustand spielen ebenso mit.

Fitness

Trainingszustand schlägt Talent.
Konstanz schlägt Motivation.

Der Anfang-30-Superathlet ohne spezifische Vorbereitung bricht eher ein als die 55-Jährige mit jahrelanger Wanderpraxis.


Was ich wirklich beobachtet habe

Nicht die Fittesten kommen zwingend am entspanntesten an.

Sondern oft die:

  • die ihr Tempo kennen
  • die regelmäßig essen
  • die nicht jede Steigung attackieren
  • die ihr Ego im Griff haben

Der Unterschied ist selten Muskelmasse.
Der Unterschied ist Selbsteinschätzung.

Kann man zu alt, zu unsportlich, zu langsam sein?

Für ein bestimmtes Ziel – ja.
Für Bewegung generell – nein.

Ein 80-Jähriger wird keinen Bergsprint gewinnen.
Aber er kann 30 Kilometer gehen, wenn sein System daran angepasst ist.

Ein Mensch mit 10 kg mehr Gewicht braucht vielleicht mehr Energie –
aber nicht zwangsläufig mehr Willenskraft.

„Zu langsam“ existiert nur, wenn man sich mit der falschen Referenz misst.

Das Ego als eigentlicher Bremsklotz

Das Ego ist subtil.

Es sagt:

  • „Ich war früher schneller.“
  • „Ich muss mit denen da vorne mithalten.“
  • „So schlimm kann das nicht sein.“

Und genau dort entstehen:

  • Überlastungen
  • Einbrüche
  • falsche Tempowahl
  • unnötige Verletzungen

Nicht das Alter bricht dich.
Nicht das Gewicht.
Sondern die Diskrepanz zwischen Realität und Selbstbild.

Warum Ehrlichkeit Trainingsqualität erhöht

Ehrlichkeit bedeutet:

  • Meine aktuelle Pace ist 5 km/h, nicht 7.
  • Mein Puls steigt bei 15 % Steigung schneller als gedacht.
  • 5 kg weniger würden meine Knie entlasten.
  • Ich brauche mehr Regeneration als mit 25.

Das sind keine Schwächen.
Das ist Datenanalyse und Erkenntnis.

Und gute Daten führen zu besseren Entscheidungen.

Was mich beeindruckt hat

Die Menschen Anfang 80 hatten keine Strava-Segmente im Kopf.
Keine VO₂max-Debatten.
Keinen Vergleichsdruck.

Sie gingen.

Konstant. Ruhig. Unaufgeregt.

Vielleicht ist das die eigentliche Leistungsfähigkeit:
nicht möglichst schnell zu sein –
sondern möglichst lange stabil.


Fazit

Man kann unvorbereitet sein.
Man kann falsche Erwartungen haben.
Man kann sich überschätzen.

Aber „zu alt“, "zu unsportlich" oder „zu pummelig“ sind keine endgültigen Urteile.
Sie sind Parameter in einem System.

Und Systeme lassen sich trainieren.

Die entscheidende Frage ist nicht:
„Bin ich gut genug?“

Sondern:
„Bin ich ehrlich genug, um besser zu werden?“

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